Ungarn
Der andere Balaton
von Katrin Saft aus der Sächsischen Zeitung vom 30.07.2011
Ein in Mütterchen sitzt an der Dorfstraße und bietet Pfirsiche feil: „Probieren, probieren!". Tiefrot lockt die Frucht. Beim Reinbeißen spritzt der Saft, läuft die Mundwinkel hinab. Welch' süße Überraschung nach all den harten, geschmacklosen Importen aus deutschen Supermärkten. Des Mütterchens Pfirsich ist mehr als ein Stück Obst. Es weckt Erinnerung: an stundenlange Trabifahrten ins Bruderland, an Baden im lauen Balaton, an westlich angehauchtes Konsumprodukt. Was ist geblieben vom Mythos Ungarn-Urlaub, 22 Jahre nach der Wende?
Still gleitet ein Segelboot über den Plattensee. Wie eh und je kräuseln sich die Wellen, spiegelt sich die Sonne. Entlang der Uferstraße reihen sich Häuschen in frischen Farben, aber ohne Protz und Prunk. Die Schilder an den Zäunen erzählen Geschichten: „Appartement frei" und „Elado" - „Zu verkaufen". Lange vorbei die Zeiten, als DDR-Bürger begierig in Hinterzimmern ohne Bad campier-ten. Die Quelle Massentourismus sprudelt nicht mehr. Kaum noch Busgruppen, zu wenige Privatreisende.
„Ungarn ist kein Billig-Urlaubsland mehr", erklärt Laslo Tar vom Tourismusbüro für den Westbalaton. Angesichts finanzieller Probleme hat die Regierung die Mehrwertsteuer auf 25 Prozent erhöht. Der Liter Benzin und die Kugel Eis kosten fast so viel wie in Deutschland. Tar: „Vor zehn Jahren gab's ein Hauptgericht für umgerechnet zwei Euro, inzwischen sind es an die zehn." Zwar boomt die Hauptstadt Budapest. Doch am Balaton bleiben die Schnäppchenurlauber weg. Dafür kommen mehr Einheimische, doch viele Ungarn können sich die Ferien am Plattensee nicht leisten. Das Land gehört zwar zur EU, ist mit Durchschnittslöhnen von 500 bis 700 Euro brutto aber nach wie vor eines der armen.
Winzer Janos Konyari lebt recht komfortabel am Balaton. Bis 1991 war er im Staatsweingut beschäftigt. Dann hat er sich selbstständig gemacht und die Weinberge hoch über Balatonlelle rekultiviert. Seit Jahrhunderten ge deiht an den vulkanischen Hängen am Plattensee Wein -vornehmlich weißer. Doch im Sozialismus ging es mehr um Masse als um Klasse. Noch heute steht deshalb ungarischer Wein im Ausland für süßen Fusel. Zu Unrecht, wie nicht nur die preisgekrönten Tropfen von Konyari beweisen. Viele Winzer versuchen, das Vertrauen der Weinfreunde wiederzugewinnen - durch einen harten Kampf um Qualität.
Konyari schenkt in seiner Probierstube aus: Merlot, Shiraz und Blaufränkischen - gereift in Holzfässern. „Wir haben einen Großteil unserer Weiß- auf Rotweine umgestellt", sagt er. Diese könnten sich durchaus mit Weinen aus dem Bordeaux messen. Entsprechend hoch sind allerdings die Preise. Mit vier bis 40 Euro pro Flasche fällt es schwer, sich auch international gegen die Billigkonkurrenz vor allem aus der Neuen Welt durchzusetzen. Fürs nötige Marketing fehlt den Winzern, die zumeist als Alleinkämpfer agieren, noch das Geld.
In urigen Kellern lassen sich überall am Balaton überraschende Weine entdecken. So wie bei Familie Szeremley in Badacsony, einem der berühmtesten Weingebiete Ungarns. Sommelier Timea Zoltai gießt zur Zigeunermusik einen Blaustengler ein. „Ein leichter Weißwein, der hervorragend zu Zander oder Ziegenkäse passt", sagt sie. Auch der Muscat Ottonel erstaunt: weil er trocken und kein bisschen süß wie früher schmeckt.
Der Weg der Winzer scheint für den Tourismus am Balaton Programm zu sein: weg von billig, billig, hin zu einer neuen Qualität, die ihr Geld wert ist. Kein leichtes Unterfangen. Erst seit Mai dürfen die Ungarn ohne Genehmigung im Ausland arbeiten. Insofern fehlt vielen die Erfahrung, was Service mit Spitzenniveau bedeutet. Noch immer würden die meisten Kellner jeden Lächelwettbewerb mit ihren Kollegen aus Italien oder Spanien verlieren. Noch immer gibt es Bettenburgen wie das „Helikon" in Keszthely, an denen der Putz bröckelt. Neue Hotels indes entstehen am Plattensee nur wenige. Investoren bauen lieber dort, wo Thermalquellen sprudeln. Denn die lassen sich gewinnträchtig vermarkten. Der Kurort Heviz ein paar Kilometer vom Balaton entfernt zum Beispiel zieht jährlich eine Million Gäste an. Das Bad im warmen Heilwasser des Thermalsees soll gegen Rheuma und allerlei andere Krankheiten helfen. „Die Behandlungen und das Essen sind super", lobt Kurgast Heidrun Seibert aus Cottbus. Nur fühle sie sich für diese Art von Erholung einfach noch zu jung. Frau Seibert ist 64 Jahre alt.
Kein Einzelfall. Mit Schlagworten wie Wellness und Spa wollen die Hoteliers wieder mehr jüngere Leute gewinnen. „Wir bauen auch unsere Aktiv-Angebote aus", sagt Eva Kleyer vom Tourismusamt. Direkt am Balaton lässt sich seit Kurzem Golf mit Seeblick spielen.
Ferenc Jankovics indes betreibt eine Fahrradausleihe. Bis 1988 fuhr er im sozialistischen Profisport. „Jetzt vermiete ich in Hotels Räder für acht Euro pro Tag", sagt er. Rings um den Plattensee schlängelt sich ein neuer, 220 Kilometer langer Radweg. Abseits der Hauptroute führen idyllische Touren entlang des Kleinen Balaton. Das Nationalpark-Gebiet dient als natürlicher Filter für das Wasser im Plattensee. In den Bäumen am Lehrpfad rasten Reiher und Kormorane.
An Naturschönheit hat die Balaton-Region nichts eingebüßt. Über die Vulkankegel am Nordufer ziehen sich neu ausgeschilderte Wanderwege. Die malerisch auf einem Felsen thronende Burg Szigliget lädt zu Ritterspielen mit Fernblick. In der Seehöhle Tapolca atmen Besucher heilende Luft. Und bei Zalavar lassen sich Wasserbüffel beobachten.
Dora Nagy Dittrich glaubt fest daran, dass diese andere Seite des Balatons ein neues, anspruchsvolles Publikum anziehen wird - Gäste, die nicht nur baden und essen, sondern die die Natur und Kultur genießen wollen. Gemeinsam mit Familie und Freunden hat sie eine GmbH gegründet und in Badacsony 900 Millionen Forint (ca. 3,3 Millionen Euro) für ein feines Hotel investiert. Das „Bonvino" symbolisiert für sie den Aufbruch ins Qualitätszeitalter. Noch immer dominieren am Balaton die Privatbetten in Appartements, Ferienwohnungen oder Pensionen. „Dort fehlt es meist an Service wie Sauna, Pool oder Tagungsraum", sagt sie. Im „Bonvino" gehe es ihr aber noch um mehr: um bequeme Betten, einen guten Zigeunerbraten, wohltemperierten Weinund Personal, das vom Kunden her denkt. Wer genau hinschaut, kann solcherart Qualitätsbemühen vielerorts spüren. Im Restaurant von Winzer Szeremley zum Beispiel leistet sich Koch Zoltan Locskai den Luxus von Biofleisch. Seine 550 Wollschweine - eine alte ungarische Rasse - leben glücklich in freier Natur. „Biofleisch kostet in der Herstellung über das Doppelte", sagt er. Angesichts geringer Einkommen in Ungarn sei es in der Masse nicht durchsetzbar.
Diese Erfahrung hat auch Walter Schneider gemacht. Der pensionierte Österreicher baut am Balaton seit acht Jahren Bioprodukte an - als Hobby und aus Überzeugung. „Die Ungarn haben 40 Jahre gelernt, dass sie Obst und Gemüse spritzen müssen", sagt er. Langsam, ganz langsam setze ein Umdenken ein. Der sonntägliche Biomarkt in Kaptalantoti zählte vor drei Jahren gerade mal 40 Stände. Heute kommen 160 Kleinerzeuger aus der Region. Nicht alles ist nach deutschen Normen streng Bio, aber zumindest natürlich hergestellt: Tomaten, Käse, Marmeladen, Chutneys. Und natürlich Pfirsiche - tiefrot und so samtig weich, dass der Saft die Mundwinkel hinabläuft.
KATRIN SAFT
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ZUR UNVERBINDLICHEN ANFRAGE
UNGARN
Anreise: mit dem Auto von Dresden bis Budapest 680 km, bis Balaton ca. 780 km; Flug Berlin-Budapest mit Malev und Lufthansa;
Einreise: Personalausweis reicht;
Reisezeit: Hauptsaison Balaton Juni bis September; Kuren ganzjährig Kontakt: Ungarisches Tourismusamt, Wilhelmstraße 61,10117 Berlin, Telefon: 030/2431460; kostenloses Infotelefon: 00800-36000000; Internet: www.ungarn-tourismus.de; www.tourinform.hu; Geld: 1 Euro = ca. 270 Forint; EC-/Kreditkarte; Krankenversicherung: Chipkarte anerkannt;